150 junge Frauen leben auf der Straße

Wenn es Nacht wird in Düsseldorf, nimmt eine sehr gemischte Szene das Viertel rund um den Hauptbahnhof ein. Zwischen schicken Clubs und Bars halten sich Mädchen und Frauen auf, die drogenabhängig sind, sich deshalb prostituieren. Streetworker des Trebecafés kümmern sich um sie.

Es wimmelt von Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz. Bauzäune und Container teilen ihn in Areale. Bahnen fahren, Radlager klingeln Fußgänger aus dem Weg, geschäftig wirkende Reisende hasten scheinbar ziellos in alle Richtungen. Antje nicht. Direkt steuert sie auf Heike Ziemens zu, die sie gerade erblickt hat: „Hi.“ Antje kaut an einer Pizza, hübsch, jung. Ihren glasigen Blick, die Narben an den Armen sehen nicht alle. „Hast du Spritzen und was zu trinken?“, fragt sie Heike. „Klar“, antwortet die, geht auf die andere Straßenseite und schiebt dem Mädchen das Gewünschte zu. Heike Zimens, 30 ist seit acht Jahren Streetworkerin beim Trebecafé, ihr Arbeitsplatz ist das Bahnhofsviertel bei Nacht. Antje kennt sie seit langem, die beiden sprechen kurz, wandern vorbei an einer Kneipe mit Bänken vor der Tür, auf denen Banker sitzen. Dann geht das Mädchen seiner Wege. Zwei Stunden später wird Ziemens sie zwischen zwei Autos auf der Straße sitzend sehen, umgeben von ihren Habseligkeiten und Spritzbesteck. Soeben hat sie sich einen Schuss gesetzt, keine 200 Meter vom Wagen des Ordnungsamtes entfernt. Hätte der Ordnungsdienst sie gesehen hätte Antje einen Platzverweis bekommen – und sich eine andere Ecke gesucht. Der Drogenkonsumraum an der nahen Erkrather Straße ist um die Zeit schon geschlossen: Er macht um 19 Uhr dicht, für eine längere Öffnungszeit reicht das Geld nicht. 200 000 Euro würde es kosten, den Raum täglich bis 22 Uhr geöffnet zu halten.

So bleibt es ein skurriler Kampf zwischen den Ordnungshütern und den Frauen. Mal schauen OSD und Polizei verstärkt nach den Freiern: 3000 kostenpflichtige Verwarnungen – „blaue Briefe“ – haben diese im Vorjahr in ihren Briefkästen gehabt. Damit bleiben den Frauen aber die Kunden weg: Woher soll das nötige Geld kommen? Dann wieder achten die Polizisten mehr auf die Prostituierten, die deshalb ausweichen müssen. Damit bleibt ihnen der illegale, aber lukrative Straßenstrich versperrt. Wo sollen sie etwas Adäquates finden?

Ob sie mit der Ausgabe von Spritzen, Tempos und Kondomen den Straßenstrich nicht zusätzlich beliefert – das wird Heike Ziemens oft gefragt. „Wenn es nicht mehr als das gäbe, keine Gespräche, keine gut verlaufenden Drogenkarrieren, dann würde ich diese Arbeit nicht machen“, antwortet Ziemens. „Ich kann die Probleme der Mädchen nicht lösen: Viele sind auf der Straße, weil sie zuhause geschlagen und vergewaltigt werden.“ Sie erhofften sich etwas Besseres im Bahnhofsviertel. Eine Illusion. „Was ich in meiner Tasche habe und ausgebe das sind schlicht lebenserhaltende Maßnahmen“, sagt Ziemens.

Auf der Klosterstraße will gerade wieder jemand etwas davon. Eine blonde Frau, zierlich, sehr gepflegt, bleibt verlegen neben Ziemens stehen, zufällig vor einem teuer wirkenden Sushi-Restaurant, und lässt sich Spritzen und Vitaminpulver geben. Unmöglich zu erahnen, dass sie abhängig ist, was Ziemens auch sagt. „Nicht alle verelenden, aber viele.“ Sieht sie eine, die sich nicht selbst helfen kann, bringt Ziemens sie zur Notambulanz. Oder wählt den Notruf. Not. Menschen in Not.

Wie andere Experten in der Szene, sind auch die Streetworker gespannt, ob es die Heroin-Abgabe auf Rezept in Düsseldorf geben wird; im Herbst fällt die Entscheidung. 3500 Abhängige von harten Drogen zählt die Polizei-Statistik für 2008, auf 200 Personen schätzt Joachim Alxnat den Kreis, der für die neue Regelung in der Stadt infrage käme. „Sie erfüllen die Kriterien, um Heroin auf Rezept zu bekommen“, sagt Alxnat, Chef des Drogenhilfezentrums, das den Konsumraum betreibt.

Möglich, dass mit dem Gesetz auch der erhoffte Rückgang der Beschaffungskriminalität kommt, doch die Schützlinge von Ziemens sind kaum auf Raubzüge aus. 150 sind es derzeit, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben. Viele haben feste Freier, bei denen sie zeitweise unterkommen, Anlaufstellen wie das Trebecafé helfen im Alltag, der besteht aus essen, duschen, Wäsche waschen, Anträge ausfüllen, Ärzte finden – bevor es wieder auf die Rue geht, wie sie die Charlottenstraße nennen

Sie ist die Hauptader des Strichs, der sich vorbei schlängelt an Waschsalon und Kino, an Spielplatz und Hauptschule, an glitzernden Bars und Eck-Cafés. Aus einem dringt Gelächter, eine Gruppe lässig gekleideter junge Leute sitzt vor hippen Drinks. Keine zwei Schritte weiter trifft Heike Ziemens auf eine kleine, dunkelhaarige Frau in extrem kurzem Rock. Sie will nur Kondome, sei nicht mehr drauf, wie sie sagt. „Der Anteil der Frauen, die nicht heroinabhängig sind, wird größer“, hat Ziemens beobachtet. „Dafür wird starkes Cannabis geraucht und gekokst, psychische Krankheiten steigen rasant an.“ Die Zeiten, in denen besonders viele Minderjährige auf der Rue zu finden waren, scheinen auch vorbei, der Großteil ist zwischen 20 und 26 Jahren alt. Hinzugekommen sind etliche Transsexuelle, die als Prostituierte auch einen Markt auf der Rue gefunden haben und wegen ihrer Drogenabhängigkeit keine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen können. Dürfen sie denn ins Trebecafé, das Mädchen und Frauen bis 27 vorbehalten ist? „Wenn sie sich selbst als Frauen verstehen, ja“, erklärt Ziemens. „Sie haben die selben Probleme wie alle anderen die zu uns kommen.“

Wie die 24-jährige Russland-Deutsche, die Ziemens auf der Friedrich-Ebert-Straße auffällt, weil sie mit einigen Heroinabhängigen herumsteht. Sie will schon in den nächsten Tagen zum Trebecafé kommen, sagt die junge Frau, nachdem Ziemens ihr den Nutzen der Einrichtung erklärt hat. Vielleicht gehört die 23-Jährige zu denen, die sich rechtzeitig von einer „Karriere“ in der Drogen- und Stricherszene abbringen lassen. Das kommt vor. Wie überhaupt alles vorkommt in der Düsseldorfer Nacht.

Rheinische Post

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Heike Ziemens

Heike Ziemens an ihrem Arbeitsplatz, dem Bahnhofsviertel. Ab 20 Uhr, oft auch später, geht sie die Straßen ab und wird von Frauen angesprochen, die sie anhand ihrer neongrünen Tasche als Streetworkerin erkennen.

Bürgerstiftung spendet

Einrichtung der Jugendhilfe, Tagesstätte für Mädchen und junge Frauen bis 27
Träger Düsseldorfer Diakonie
Adresse Kölner Straße 148
Finanzierung Stadt und Diakonie tragen gut die Hälfte der Kosten, die andere Hälfte kommt von Spendern und Sponsoren. So wurde das haus, in dem das Café untergebracht ist, gespendet. Die Bürgerstiftung Düsseldorf gehört zu den Geldgebern.
Kennenlernen Heute, 12 bis 16 Uhr, ist Tag der offenen Tür im Trebecaf+e. Unter anderem stellen die Mitarbeiterinnen ihr neues Trauma- sowie ihre Präventions-Programme für Schulklassen vor. Beratung gibt es auch in Chat-Form.